Um 0.43 Uhr flüsterte mir meine fünfjährige Nichte zu: „Onkel, ich habe Hunger“; als ich die Tür zum Haus meines verstorbenen Bruders aufbrach, fand ich sie eiskalt hinter dem Sofa – doch dann kam ihre Mutter in schwarzem Kleid nach Hause und drohte, die Polizei zu rufen. Bis ich erkannte, warum sie mich um jeden Preis fortzuschicken suchte**

— Onkel Julien… ich habe Hunger.
Ich fuhr so plötzlich im Bett hoch, dass mir das Handy fast aus der Hand glitt.
Es war 0.43 Uhr.
Am anderen Ende der Leitung atmete meine Nichte Lucie in kurzen, hastigen Zügen, als koste es sie jede Kraft, zu sprechen.
— Wo ist Mama?
Stille.
Dann hörte man es irgendwo im Haus einen Heizkörper klopfen.
— Sie ist weg.
— Seit wann?
— Als es noch hell war.
Ich schloss die Augen.
Lucie war fünf Jahre alt.
Ich bat sie, im Kühlschrank nach etwas zu suchen.
— Da ist nichts.
— Brot?
— Nein.
— Kekse?
Wieder Stille.
— Die unter dem Sofa habe ich gestern schon gegessen.
Dieser Satz traf mich härter als ein Faustschlag.
— Lucie, hör mir gut zu. Bleib am Telefon. Leg nicht auf.
Ich stand bereits auf.
Ich brauchte siebzehn Minuten, um zum Wohnhaus in Déville-lès-Rouen zu gelangen.
Die ganze Fahrt über blieb Lucie am Apparat.
— Was hast du heute gegessen?
— In der Schule gab es Möhren und Fisch.
— Und heute Abend?
— Nichts.
Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Finger schmerzten.
— Sollte Mama wiederkommen?
— Sie sagte, wenn ich artig bin, wäre sie vor der Abendserie zurück.
Es war fast ein Uhr nachts.
Als ich vor dem Haus parkte, waren alle Fenster dunkel.
Das Gartentor war verschlossen. Ich kletterte darüber.
Die Haustür war von außen verriegelt.
Ich rief Jeanne an.
Einmal. Zweimal. Fünfmal.
Nur die Mailbox.
Da holte ich den kleinen Hammer, den ich immer in meinem Transporter hatte.
Ich schlug nahe dem Schlossblech.
Einmal. Zweimal. Beim dritten Schlag barst das Holz.
— Lucie?
Keine Antwort.
Ich trat ein.
In der Küche schaltete ich das Licht an.
Im Kühlschrank stand eine angebrochene Flasche Weißwein, zwei abgelaufene Joghurtbecher, Senf und eine vertrocknete Zitrone.
Keine Milch. Kein Schinken. Kein Gemüse.
— Lucie?
Eine leise Stimme antwortete aus dem Wohnzimmer.
— Hier bin ich.
Sie kauerte zwischen Sofa und Wand.
Sie trug einen zu dünnen rosafarbenen Schlafanzug und zwei verschiedene Socken.
Als sie mich sah, rannte sie nicht zu mir und fiel mir nicht um den Hals.
Sie stand langsam auf und fragte nur:
— Hast du etwas zu essen mitgebracht?
Ihre Lippen waren rissig und trocken. Ihre Hände eiskalt.
Ich gab ihr zwei Butterkekse und Wasser.
Sie wollte sofort einen dritten nehmen. Ich nahm ihn ihr sanft aus der Hand.
— Langsam, mein Schatz.
Sie blickte zu Boden.
— Entschuldige.
Ich glaube, in diesem Augenblick ist etwas in mir zerbrochen.
Ich sah dieses Kind, das um Verzeihung bat, weil es Hunger hatte.
Ich zog ihr gerade meine Jacke über, als Scheinwerferlicht durch das Fenster strich.
Ein Wagen bremste scharf vor dem Haus.
Dann trat Jeanne ein.
Sie trug ein schwarzes Kleid, einen offenen beigefarbenen Mantel, und hielt ihre hohen Absatzschuhe in der Hand.
Ein starker Parfümduft vermischt mit Weingeruch hing an ihr.
Sie blieb stehen, als sie mich sah.
Ihr Blick wanderte von mir zu Lucie, dann zum aufgebrochenen Türschloss.
— Was zum Teufel machst du in meinem Haus?
— Lucie hat mich angerufen.
Jeannes Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie blickte ihre Tochter an.
— Du hast Verbot, mein Handy zu benutzen.
Lucie drängte sich hinter mich und presste sich an mein Bein.
Jeanne kam einen Schritt näher.
— Du hast meine Tür aufgebrochen, Julien.
— Deine Tochter sitzt seit gestern Nachmittag allein hier.
— Ich hatte einen dringenden Termin.
— Der Kühlschrank ist leer.
Jeanne griff nach ihrem Handy.
— Ich rufe die Polizei.
— Tu das.
Sie blickte überrascht auf.
— Du bist hier eingebrochen.
— Ruf sie an.
— Glaubst du, nur weil Élias tot ist, kannst du hier den Vater spielen?
Lucie umklammerte mit ihren kleinen Fingern meine Hose. Jeanne sah es.
— Hör auf, hier Theater zu spielen, Lucie.
Ich hob das Kind auf und drückte es an mich.
— Ich bringe sie ins Krankenhaus.
Jeanne stellte sich vor die Tür.
— Sie geht nirgendwohin.
— Geh mir aus dem Weg.
— Sie ist meine Tochter.
— Eben deswegen.
Sie kam ganz nah an mein Gesicht heran.
— Wenn du mit ihr durch diese Tür gehst, erstatte ich Anzeige wegen Kindesentführung.
Ich hob mein Handy.
— Gut.
Ich wählte die Nummer der Polizei.
Und genau in diesem Augenblick wurde Jeanne totenbleich.
Sie starrte auf das Display meines Telefons, auf dem die Notrufnummer bereits aufleuchtete. Das arrogante Lächeln war wie weggewischt, und die trunkenheitsträge Würde, die sie eben noch zur Schau gestellt hatte, verflog schlagartig.
»Leg auf«, zischte sie. Ihre Stimme war nicht mehr wütend – sie war von blanker Panik erfüllt. »Julien, leg sofort auf!«
»Warum?«, fragte ich kalt, während das Freizeichen durch den Lautsprecher töne. »Du wolltest doch die Polizei rufen. Lassen wir sie entscheiden, wer heute Nacht recht hat.«
Jeanne machte einen hektischen Satz nach vorn und schlug mir nach dem Handy. Ich wich mühelos aus, hielt Lucie mit dem anderen Arm fest umschlungen und drehte mich weg. Lucie vergrub ihr Gesicht an meinem Hals und begann leise zu zittern.
»Julien, bitte!«, schrie Jeanne nun fast. Sie stolperte über ihre eigenen Absätze, die sie auf den Boden fallen gelassen hatte. »Wenn die Beamten kommen … wenn sie den Dachboden durchsuchen, bin ich ruiniert!«
Ich fror in der Bewegung ein.
Der Dachboden.
Ich beendete den Anruf, noch ehe die Leitstelle abheben konnte. Meine Blicke bohrten sich in Jeannes Augen. Sie realisierte augenblicklich, was sie im Affekt herausgeplatzt hatte. Ihre Hand fuhr an ihren Mund, als wollte sie die Worte wieder zurück in ihren Kehle drücken.
»Was ist auf dem Dachboden, Jeanne?«, fragte ich leise.
»Nichts! Gar nichts! Ich … ich war betrunken, ich weiß nicht, was ich rede!«, stammelte sie und versuchte, sich am Türrahmen abzustützen.
Ich sah auf das Kind in meinen Armen. Lucies Hände klammerten sich noch immer eisern an meine Jacke.
»Lucie«, flüsterte ich sanft. »Kannst du kurz im Auto warten? Ich habe die Heizung angemacht, es ist warm dort.«
Die Kleine nickte stumm. Ich trug sie hinaus zu meinem Transporter, schnallte sie vorsichtig auf dem Beifahrersitz fest und gab ihr die Kekspackung. Dann schloss ich die Tür und ging zurück ins Haus.
Jeanne stand im Flur und versuchte mit zitternden Händen, die Zugangsleiter zum Dachboden zu verriegeln. Als sie mich eintreten sah, ließ sie die Stange fallen.
»Geh raus, Julien! Das ist Hausfriedensbruch!«, schrie sie, aber ihre Stimme zitterte unkontrolliert.
Ich schob sie beiseite, strich mir über die Stirn und zog die Bodentreppe nach unten. Das Holz knarrte laut in der nächtlichen Stille des Hauses. Ich stieg die Stufen hinauf, während Jeanne unten schluchzend zusammenbrach.
Als ich die Lupe schob und die spärliche Glühbirne auf dem Dachboden einschaltete, verschlug es mir den Atem.
Es gab dort keine Drogen. Keine Raubkunst. Kein Geld.
Auf dem Dachboden standen dutzende Umzugskartons, aufgestapelt bis unter die Dachsparren – alle akkurat beschriftet mit den Firmenlogos der Unternehmen meines verstorbenen Bruders Élias. Und dazwischen, auf einem einfachen Klapptisch, lag Élias’ altes Dienst-Laptop, das nach seinem tödlichen Autounfall vor einem Jahr spurlos verschwunden war. Der Bildschirm war aktiv, ein USB-Stick steckte im Gehäuse.
Auf dem Monitor lief ein Übersetzungsprogramm. Daneben lagen Ordner mit Lebensversicherungsunterlagen, Testamentsentwürfen und gefälschten Vollmachten.
In diesem Augenblick fügte sich alles wie ein grauenhaftes Puzzlespiel zusammen.
Élias war nicht bei einem einfachen Verkehrsunfall gestorben. Er hatte kurz vor seinem Tod herausgefunden, dass Jeanne sein Vermögen beiseitegeschafft hatte. Und Jeanne war heute Nacht nicht feiern gewesen – sie hatte sich mit jemandem getroffen, um die letzten Vermögenswerte aus Élias’ Nachlass über ausländische Konten abzuziehen.
Deshalb durfte niemand im Haus sein. Deshalb durfte die Polizei auf keinen Fall kommen. Jeanne hatte ihre eigene Tochter tagelang vernachlässigt und allein gelassen, weil sie besessen davon war, das Erbe meines Bruders zu vernichten und Spuren zu verwischen, bevor die Testamentsvollstreckung nächste Woche abgeschlossen wurde.
Ich stieg langsam die Leiter hinab. Jeanne lag auf dem Boden, das schwarze Kleid zerknittert, das Gesicht tränenüberströmt.
»Er wollte mich verlassen, Julien …«, flüsterte sie wahnhaft. »Er wollte mich mit nichts zurücklassen. Ich musste es tun …«
Ich sah sie nicht einmal mehr mit Ekel an, sondern nur noch mit Mitleid für ihre Abgründe.
»Du hast das Erbe deines Mannes gesucht«, sagte ich ruhig und zog mein Handy erneut heraus. »Aber das Einzige, was von Élias noch übrig war und wirklich Wert hatte, saß unten hinter dem Sofa und hatte Hunger.«
Diesmal wählte ich die Nummer der Notrufzentrale und legte nicht auf.
Zehn Minuten später trafen zwei Streifenwagen ein. Während die Beamten Jeanne festnahmen und den Dachboden versiegelten, saß ich im Transporter, hielt Lucie eine Decke um die Schultern und sah zu, wie das Blaulicht die dunkle Straße von Déville-lès-Rouen erleuchtete.
Lucie blickte zu mir auf, ihre graugrünen Augen – dieselben Augen wie die meines Bruders – sahen mich müde an.
»Onkel Julien?«, flüsterte sie. »Muss ich wieder zurück?«
Ich strich ihr sanft über das feine Haar und lächelte zum ersten Mal in dieser Nacht.
»Nein, mein Schatz«, sagte ich fest. »Du kommst jetzt mit nach Hause. Für immer.«